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Blah Blah Café - Verrückt

Das Blah Blah Café: alte, kleine Möbel. Bistrotischchen, Anrichten und die Messing verzierte Theke mit all den kleinen Leckereien, Tartes, Kaffeespezialitäten und duftenden Teesorten. Angies Reich. Ein verwunschener Ort. Eine aus der Zeit verrückte Räumlichkeit, den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt nur scheinbar folgend. Erfüllt vom Stimmengewirr der Studenten, die sich nach den Seminaren hier bei Angie treffen, sich die Köpfe heißreden, flirten und sich verlieben, träumen und trauern. 

 

Doch wenn sie sich spät abends dann auf den Weg machen, bleibt Angie alleine zurück. Im goldfarbenen Licht der herunter gebrannten Kerzen wischt sie über die Theke, spiegelt sich ihr Gesicht im goldenen Schein des Messings. Es scheint zu lächeln. Doch das täuscht. Niemand weiß, wie es in Angie wirklich aussieht. Denn der Preis ist hoch für das Glück, das ihr kleines Café versprüht.  

 

Mitten in der Nacht, wenn die Albträume sie aus dem Schlaf hochschrecken, hört sie seinen Ruf. Dann steigt sie die Stufen zum Keller hinunter. Draußen liegt in dieser Nacht ruhig der Schnee auf den Straßen des Stadtteils. Am Rande der Großstadt ist noch Platz für Wunder und Mysterien. Die Feuchtigkeit glitzert an den uralten Mauern unterhalb des mittelalterlichen Fachwerkhauses. Sie umklammert den Ring der Laterne fest mit ihrer Hand. Oder hält sie sich an ihm fest, um nicht den Halt zu verlieren? Ein graues Nagetier kreuzt ihren Weg, blickt sie aus schwarzen Knopfaugen an. Es ist Paul. Paul, die Ratte. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen. Doch es ist traurig. Sehnsucht nach helleren Tagen übermannt sie ein weiteres Mal. So fern sind diese Zeiten. Dann hat sie ihr Ziel erreicht. Sie stellt die Laterne auf einem losen Stein ab. Ihre Hand greift nach den Gitterstäben. Der Schatten verwandelt sich im flackernden Licht der Laterne zu einer Klaue.  

 

“Komm! Komm zu mir!” Die Stimme ist verlockend wie jedes Mal. Angie kniet sich hin. Sie beugt sich nach vorne, bis ihr Oberkörper den Boden berührt. Dann streckt sie sich auf dem feuchten und kalten Kopfsteinpflaster hin. Sie schließt die Augen und beginnt zu träumen. 

 

“Hast du die Stoffe?” Angie vollführt eine weit ausholende Geste über die kunterbunt leuchtenden Webarbeiten auf der Auslage ihres Verkaufsstandes.  

“Hervorragend!” Die hübsche Ratsherrentochter nickt anerkennend. “Was bekommst du dafür?” 

“Lade mich aufs Fest ein!” 

“Du weißt, dass das nicht geht!” Sophies Augen blitzen sie wütend an. 

”Nur weil du jetzt was Besseres bist. Erinnere dich unserer Kindheit, wie wir zu dritt durch die Wälder und Auen getrollt sind. Kannst du das wirklich vergessen?" 

”Nein!” Sophies Miene verdunkelt sich noch mehr. Doch Angie hält ihrem bitterbösen Blick stand. ”Wir waren Kinder.” Sophies Entschuldigung reicht Angie nicht aus. ”Und das rechtfertigt jetzt alles? Erinnere dich, Sophie, wir waren Freundinnen. Das ist was zählt. Ich vermisse dich. So sehr. Ich vermisse die hellen Kindertage.” 

”Wir sind keine Kinder mehr.”  Sophies Lippen bilden einen schmalen Strich, als sie diese Worte ausgesprochen hat. Dann schnappt sie sich die Stoffballen und stampft davon.  

Mit sorgenvoller Miene blickt Angie ihr hinterher. ”Bitte, Sophie, du musst lernen zu sehen, bevor es zu spät ist.” 

 

Auf dem Festplatz wird Sophies Aufmerksamkeit von dem charismatischen Blick der rehbraunen Augen des Fremden eingefangen. Sogleich beschleunigt sich ihr Atem, als sie merkt, wie er sie unter der Kapuze, die sein Gesicht verdeckt, ansieht. Seine Augen sind verborgen, doch Sophie spürt, dass sein Blick anzüglich ist, der so viel verspricht, der ein nie gekanntes Feuer in ihr entzündet. 

 

Angie tritt zurück in das Café. Es ist weit nach zehn Uhr. Im Licht der Laternen fallen noch immer dicke Flocken vom Himmel. Es ist absolut still auf der Straße vor den hohen Fenstern der Häuserfront. Immer noch beeindruckt von dem, was im Keller geschehen ist, stützt sich Angie mit der Hand auf der Theke ab. Das Schneetreiben wird stärker. Ein Vorhang aus tanzenden Schneekristallen verwehrt für Augenblicke die Sicht auf die Häuser auf der anderen Seite der Straße. In dieser Zeitspanne löst sich aus dem Schatten eines Hauseingangs eine Person in einem schwarzen Kapuzenumhang. Als sich der Schneefall ein wenig lichtet, steht er direkt vor dem Café. Angie blickt auf. Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen kann, weiß sie augenblicklich, wer er ist. Der Schreck fährt ihr in die Glieder. Noch zu frisch ist die düstere Vision, die sie in den Tiefen des Kellergewölbes heimgesucht hat. Ihr Blick streift das Mobiltelefon. Ihre Hand greift danach. Doch eh sie die dritte Taste gedrückt hat, ist die Straße vor dem Café wieder menschenleer. 

 

Traurigkeit erfasst sie. Warum musste es nur so weit kommen? Die Liebe eines Lebens in einem Augenblick zerstört. Drei Freundinnen für immer getrennt. Gut in Böse verkehrt. Sie greift nach dem Schlüssel auf dem Tresen. Mit wenigen Schritten ist sie am Eingang. Der kalte Winterwind empfängt sie. Schneeflocken landen auf ihren Wangen, vermischen sich mit den Tränen, die sie weint. 

 

Bunt flattern die Stoffstreifen an den aufgestellten Birkenstämmen im warmen Wind des aufkommenden Frühlings. Klänge vom Schellenbaum, Schalmei und Laute fordern zum Tanz. Gaukler mischen sich unters Volk und treiben ihren Schabernack. Lachen erfüllt die Luft. Sophie läuft hinüber zu dem Fremden. Für eine Sekunde ist sie jedoch abgelenkt. Als sie die Stelle erreicht, an der er zuvor noch stand, ist er schon fort. Ihr Herz setzt einen Schlag aus. Ihre Brust zieht sich schmerzvoll zusammen. Verwirrt schaut sie sich nach ihm auf dem Platz um. Doch traurig muss sie feststellen, dass er nirgends mehr zu entdecken ist. Wäre sie doch nur ein paar Minuten früher hier gewesen und hätte nicht diese unsinnige Unterhaltung mit Angie geführt. 

 

Louise schaut vom Erker der Burg hoch über dem Dorf hinunter auf den Festplatz. Im Gegensatz zu Sophie hat sie gesehen, wohin der geheimnisvolle Mann, dessen Namen niemand kennt, gegangen ist. Wie ein Salamander verschwindet er wieselschnell zwischen den Steinbauten am Festplatz. Ehe Sophie abermals zu ihm aufblickt, ist er schon in eine kleine Gasse geschlüpft und von den Schatten der Häuser verschluckt. Louise springt auf. Von der Burg aus ist es nicht weit bis zum Wegekreuz im Wald. Sie passiert die Wachen am Haupttor, grüßt sie freundlich und läuft erregt weiter. Der Wald ist erfüllt vom süßen Duft der Knospen und dem würzigen Geruch von frischem Harz. Tief ein- und ausatmend läuft sie den Waldweg entlang, dass ihre Röcke im Wind fliegen. Atemlos erreicht sie wenige Minuten später das Wegekreuz. Die Sonne blinzelt durch das lindgrüne Laub der Bäume und lässt ihr erhitztes Gesicht strahlen. Ihre Augen erblicken ihn in diesem Moment. Pünktlich erscheint er zu ihrer Verabredung. Dass er sich auch mit Sophie trifft, ist ihr nicht recht. Doch wenn sie ihn nicht alleine für sich haben kann, dann will sie in den Augenblicken, da sie zusammen sind, nicht darüber nachdenken. Sie lässt sich in seine Arme fallen. Sie schließt die Augen, als sich sein Gesicht über sie beugt. Sein Kuss ist süßer als jede Frühlingsknospe es je sein könnte. 

 

Angie blickt auf. Sie hat das Geräusch der Schritte, das die Stille der Winternacht durchbricht, gleich vernommen. Aus der Straße gegenüber des Cafés tritt eine junge Frau, die ihr gut bekannt ist. 

 

”Sophie! ?” Sorge vermischt sich mit Überraschung. “Wo warst du?“ 

“Ich habe die Antwort gesucht. Den Schlüssel gesucht, der uns die Freiheit zurückbringt.“ Ihr Blick trifft den von Angie. Verzweiflung flackert darin. ”Ich habe ihn nicht gefunden, – er ist der Schüssel, aber er ist nicht mehr hier.” 

”Ach, Sophie ..." Angies Arme umfangen die frierende Freundin, die bei der sanften Berührung zusammenzuckt. Als sich ihre Wangen aneinanderschmiegen, vermischen sich ihre salzigen Tränen. 

 

Sie treffen sich am verwunschenen Teich, in den Höhlen unterhalb der Burg, tief im Wald. Dort, wo er so dicht, dunkel und still ist, dass es Louise vorkommt, als läge sie in einer Gruft. Doch sie liegt in seinen warmen, starken Armen. Wenn er sie küsst, glaubt sie, dass ihr Herz zerspringen müsse. Wenn sie sich am Abend trennen, zerreißt es ihre Seele in nie gekannter Sehnsucht. Oft liegt sie wach und wartet auf den nächsten Tag. Die Nächte gehören Sophie und ihm. Das weiß sie nur zu gut. Zum Glück ist ihre Schwester tagsüber mit ihren Geschäften derart eingespannt, dass sie für ihn keine Zeit findet. Doch zu wissen, dass sie nachts bei ihm liegt, bricht Sophie jedes Mal das Herz. Sie ist sich nicht sicher, wie lange sie dieses heuchlerische Spiel noch erträgt. 

 

“Was ist bloß passiert? Wir waren Freundinnen seit Kindertagen an.” Angie trauert den verlorenen Tagen hinterher. Für einen Wimpernaufschlag erkennt sie in Sophies Blick eine ähnlich tiefgehende Traurigkeit. ”Die Welt verändert sich. Das Leben ist ein ständiger Wandel, Angie. Die Wege führen uns nicht immer dorthin, wo wir es uns wünschen. Das musst du begreifen!” 

 

Angie blickt die Ratsherrentochter an. ”Und das trennt uns nun? Nur weil du aus gutem Haus bist, und ich nur die Tochter einer einfachen Marktfrau. Ich will das nicht Sophie. Ich will es nicht begreifen. Es tut mir weh, wenn ich euch auf den Festen tanzen sehe. Bitte lade mich zur Mittsommerfeier ein!” 

 

Wie der Wind über die Lande weht. 

Ein Monat nach dem anderen geht. 

Zeit zerrinnt, wir können’s nicht halten. 

Es sind andere Kräfte, die walten. 

 

Wenn auch Liebe durch unsere Herzen rinnt. 

Sind sie oft der Falschheit blind. 

Und die Wahrheit geht verloren bald. 

Und das Herz wird kalt, das Herz wird alt.