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Blah Blah Café - Die Nacht vor dem Fest   

"Hast du das von Sophie gehört?”      

“Nein, was ist mit ihr?”   

“Lauren erzählte, dass sie plötzlich ganz verändert war. Sie war so eigentümlich in sich gekehrt. Er konnte gar nicht mehr zu ihr durchdringen. Dann, am nächsten Tag war sie verschwunden.”   

“Wie verschwunden?”, fragt Louise und blickt von ihrem Lehrbuch auf.  

“Na, so wie ich es gesagt habe. Sie ist verschwunden. Mittlerweile sucht schon die Polizei nach ihr.”   

“Oh, nein. Meinst du, sie ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen?”, hakt Louise besorgt nach.   

“Ich weiß nicht. Jedenfalls macht sich Lauren unheimlich Sorgen um sie.”     

“Das kann ich gut verstehen. Ich glaube, er war heimlich in sie verliebt.” Louise muss bei diesem Gedanken grinsen. “Jedenfalls fand er sie wohl sehr nett. Und das ist sie ja auch.”     

“Na ja, ich muss jetzt los.”     

“Okay, wir sehen uns.” Louise verabschiedet sich mit einer freundschaftlichen Umarmung von ihrer Kommilitonin. Sie nimmt einen Schluck von dem Chai Latte, der dampfend sein aromatisches Aroma verströmt. Ihr fällt auf, dass sich Sophie und Lauren ebenfalls hier im Blah Blah Café trafen. Was ihr bloß passiert ist?   

Im Licht der einem historischen Vorbild nachempfundenen gusseisernen Straßenlaterne, steht Louise nachdenklich vor der Tür des Hauses, in dem sie wohnt. Unwillkürlich muss sie an “Jack the Ripper” denken. Ihr läuft es eiskalt über den Rücken. Entschlossen steckt sie den Haustürschlüssel ins Schloss und schließt auf. Erst als sie gemütlich unter ihrer Decke auf der Ledercouch liegt, ist ihr wieder wohler. Mit weit umherschweifenden Gedanken schläft sie irgendwann ein.  

Als sie am nächsten Morgen erwacht, braucht sie einige Minuten, bevor sie sich orientiert hat. Verwundert richtet sie sich auf und schiebt die Decke zur Seite. Diese lastet unbequem schwer auf ihrem Körper. Oder ist es der Traum von letzter Nacht, an den sie sich nicht erinnern kann, der sie bedrückt? Verschwommene Empfindungen, verwirrende Bilder, Geräusche und Gerüche verwirren ihr Gehirn. Doch keiner dieser Eindrücke ist so lange greifbar, dass er einen Sinn ergibt.   

Plötzlich kommt ihr ein Gedanke. Soll sie mit Lauren sprechen? Aber was sollte er oder das seltsame Verschwinden Sophies mit ihrem verstörenden Traum von letzter Nacht zu tun haben? Kopfschüttelnd begibt sie sich in die Küche ihrer kleinen Studentenbude und macht sich einen Kaffee. Als sie nach dem Frühstück ihre Post aus dem Briefkasten holt, rutscht zwischen den Briefen ein von Hand beschriebener Zettel heraus. “Die Nacht vor dem Fest” steht in blauer Tinte und schwungvoller Schrift auf ihm. Sonst nichts weiter. Louise geht zurück in ihre Wohnung und legt die Briefe achtlos zur Seite. Grübelnd betrachtet sie sich die Worte auf dem Zettel. So sehr sie ihr Gehirn auch anstrengt, sie kann damit nichts anfangen. Genervt legt sie den Zettel beiseite. Sie ist spät dran und muss sich nun beeilen, zur Uni zu kommen.  

Als sie am Nachmittag im Bla Bla Café landet, erwartet sie die junge Besitzerin schon. “Hey, Louise, es war jemand für dich da und hat eine Nachricht hinterlassen. Warte, ich hole sie.” Verdattert nimmt Louise an dem Tisch Platz, an dem sie immer mit Toni, der Kommilitonin sitzt, die ihr von Sophies Verschwinden erzählt hat. Langsam wird ihr mulmig zu Mute. Als die Café-Besitzerin mit einem Zettel in der Hand zu ihr kommt, erkennt Louise die Schrift sofort wieder. 

“Du musst kommen!” Mehr als diese eindringliche Aufforderung steht nicht auf dem leicht vergilbten Papier. Fragend blickt Louise Angie, die Café-Besitzerin an. Tausend Fragen wirbeln in ihrem Kopf durcheinander und wollen raus. “Wer hat dir die Nachricht gegeben? Hat er was dazu gesagt? Wann war er hier? Oder war es eine Frau. Sophie vielleicht?” 

“Langsam, Langsam, Louise.” Angie unterbricht sie sacht. “Es war ein junger Mann. Er war heute Vormittag hier, kurz nachdem ich aufgemacht habe. Er hat mir nur den Zettel gegeben und mich gebeten, ihn dir zu geben.” Louise klebt an Angies Lippen, während diese ihr erklärt, was passiert ist. “Ich glaube, ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Aber da bin ich mir nicht sicher. Es kommen ja so viele Studenten ins Café. Da kann ich mir nicht jeden Einzelnen merken.” 

“Es ist also ein Student!”, ruft Louise aus. “Warte! Nein, das habe ich nicht gesagt, Louise. Es ist naheliegend, da kaum andere Leute in mein Café kommen. Kannst du mit der Nachricht etwas anfangen?” 

Sophie schüttelt ihren Kopf, dass ihre glatte Pagenkopffrisur durcheinandergerät. Das dieses schon die zweite Nachricht ist, die sie erhalten hat, verschweigt sie Angie.  

Als sie kurz darauf das Café verlässt, beginnt es leicht zu schneien. Durchscheinende Eiskristalle sinken langsam zu Boden. Zu fein für menschliche Augen treiben sie in sanften Schwüngen auf dem Atem des Windes. Eine zärtliche Melodie erklingt ungehört, wenn sie dabei zusammenstoßen. Louise hält inne und versucht einen dieser winzigen Sterne zu fangen. Doch sobald er ihre Handfläche berührt, zerfließt die kunstvolle kristalline Struktur zu einer Träne und ist für immer verloren. Sehnsuchtsvoll blickt Louise in den Himmel, aus denen Abermillionen Sterne zu Boden schweben. 

“Kommst du?” Flüsternd dringen die Worte an ihr Ohr. Louise weiß, wenn sie sich umschauen würde, wäre niemand dort. “Ich komme!” Ihre Antwort, gehaucht, verweht als geisterhafter Nebel zwischen den tanzenden Eiskristallen.  

Sie folgt dem Weg, verlässt die heimliche Geborgenheit der kleinen Gassen des Ortes auf der Halbinsel nahe am Fluss. Kindheitserinnerungen zeigen ihr die Richtung, in welche sie laufen muss. Als sie den Waldrand erreicht, sinken ihre Schuhe in den hier tiefer liegenden Schnee ein. Nur auf den Straßen ist er nach dem ersten Schneefall wieder getaut. Hier bedeckt er still die Wege, den weichen Laubteppich und die schlafenden Moose. Sie steigt den Hügel empor und als sie sich umblickt, liegt der Fluss im dunstigen Licht der Wintersonne unter ihr. Doch um ihr Ziel zu erreichen, muss sie noch weiter hinauf.  

Bald entdeckt sie die uralten Mauern, in deren Grenzen sie schon als Kind laut lachend fangen gespielt hat. Zu dieser Zeit, nahe dem Jahresende ist es hier unglaublich still. Knisternd fallen Schneeflocken auf die feinen Äste der laublosen dunklen Bäume. Als sich Louise umblickt, entdeckt sie mit einem Mal etwas leuchtend Rotes auf dem weißen Schnee und den braunen Laubflecken liegen. Zögerlich nähert sich Louise und bückt sich dann hinunter. Sie erkennt, dass es ein roter Schal ist, der dort im Schnee liegt. Verwundert hebt sie ihn auf. Sollte sie doch nicht alleine hier sein? Unsicher blickt sie sich um.  Als sie dann die Gestalt in dem dunklen Kapuzenumhang erblickt zuckt sie erschrocken zusammen. Louise ist sich hundertprozentig sicher, dass die Person vor einem Augenblick dort noch nicht stand. 

“Hallo?” Ihre Stimme zittert, als sie ihn anspricht, doch nicht nur vor Kälte. Die friedvolle Stille ist ihr plötzlich unheimlich. Unwillkürlich weicht sie einen Schritt zurück und lässt ihre Blicke nervös umherschweifen. 

“Hab keine Angst, Louise. Habe ich dich erschreckt? Das wollte ich nicht.” Seine Stimme ist warm und weich, als er sie anspricht. Seine behandschuhten Hände streichen die Kapuze nach hinten. Erstaunt blickt Louise in sein Gesicht. Sie kennt ihn, doch sie kann sich nicht erinnern woher. Sind sie sich auf dem Campus zuvor schon begegnet? “Schön, dass du gekommen bist.” Er tritt auf sie zu, nimmt ihre Hand. Sie lässt es geschehen, sich sicher, dass sie ihm vertrauen kann. Kann sie das? Eine warnende Stimme flüstert eindringliche Worte in ihrem Hinterkopf. Sie ignoriert sie.  

“Weißt du wer ich bin?” Dass sie ihm keine Antwort geben kann, ist ihr peinlich. “Du weißt es doch? Erinnere dich!” 

“Folge mir!” Sie spürt den Druck seiner Hand.  

“Es ist zu früh.” Ihr Einwand verschafft ihr Zeit. Er sieht sie an. Für einen Wimpernschlag verliert sie sich in seinem Blick, ehe sie sich wieder fängt. “Die Nacht ist noch fern.” 

“Nicht an jenem Ort, zu dem ich dich bringen will. Die Nacht vor dem Fest bricht schon an. Komm, Louise! Wir sollten uns nicht verspäten.” Er will sie zu sich ziehen. Doch da fällt ihr Blick auf den Schal, den sie noch immer in ihrer linken Hand hält. 

“Lass mich!” Mit unerwarteter Kraft reißt sie sich von ihm los, wirbelt herum und sprintet davon. 

Erst als die Überanstrengung in der eisig kalten Luft ihre Lungen brennen lässt, hält sie an. Sie befindet sich nicht mehr im Wald. Nur wenige Meter vor ihr stehen die ersten Häuser. Mit dem Wissen, dass ein sicherer Ort nur wenige hundert Meter entfernt ist, läuft sie noch einmal los. Vollkommen außer Atem öffnet sie wenig später die Tür des Blah Blah Cafés. 

“Louise? Wo kommst du denn jetzt her?” Verwundert über ihre Verfassung kommt Angie besorgt auf sie zu. 

“Mach mir bitte einen Chai Latte. Und dann ruf die Polizei.” Keuchend lässt sich Louise auf einen Stuhl fallen. Fröstelnd schlingt sie ihre Arme um sich, als ihr wieder bewusst wird, woher sie ihn kennt. In ihren Händen hält sie Sophies Schal.