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Blah Blah Café  - A beautiful Mysterie

"Sophie Ballet Volta, was für ein außergewöhnlicher Name.” Der junge Mann sieht Sophie mit nach oben gezogenen Augenbrauen an. ”Das ist doch ein Künstlername.”    

Sophie nippt an ihrem Milchcafé und sieht ihren mit diesem spitzbübischen Grinsen gesegneten Kommilitonen über den Tassenrand hinweg an. Sie setzt mit ihrer zierlich geformten Hand die Tasse zurück auf das Bistrotischchen. Dann antwortet sie mit leuchtenden Augen: ”Nein, meine Mutter war zwar eine Künstlerin, doch sie gab mir diesen Namen bei meiner Taufe. Der Pfarrer wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als er ihn bei der Zeremonie aussprechen musste.”  

”Und was hat dein Vater dazu gesagt”, fragt Lauren, dem sein auch nicht gerade alltäglicher Name mit einem Mal profan und gewöhnlich vorkommt.  

”Dafür liebe ich dich”, antwortet Sophie. Sie erinnert sich mit einem glücklichen Lächeln, dass ihre süßen Grübchen neben den Mundwinkeln zum Vorschein bringt, an die große Liebe zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter.  

”Weißt du, dass die Volta ein mittelalterlicher Tanz aus der Zeit der Renaissance ist?”  

”Natürlich bei dem Namen”, entgegnet Sophie. ”Aber mich wundert, dass du das weißt.”  

”Gegoogelt”, gesteht Lauren und lächelt verschmitzt.  

“Du bist unmöglich.“  

“Ich weiß! Soll ich dich noch nach Hause bringen?“  

“Lieb von dir, Lauren, aber ich habe es ja nicht weit. Du weißt ich liebe einsame Spaziergänge.“  

“Ich weiß. Aber du musst verstehen, dass ich mich nicht damit anfreunden kann, dich alleine durch die Nacht tapsen zu wissen.“  

Sophie muss über seine Ausdrucksweise lachen. ”Nun, ich tapse ja nicht. Und wenn es dich beruhigt. Lass uns übers Handy telefonieren. Dann kannst du dir sicher sein, dass ich gut zu Hause ankomme, und bist sozusagen die ganze Zeit bei mir.”  

Lauren ist nicht überzeugt von Sophies Angebot. Doch da er weiß, dass sie sich nicht davon abbringen lässt, nimmt er ihren Vorschlag seufzend an.   

Als sie das Café verlassen, beginnt es leicht zu schneien. Im orangen Licht der Straßenlaternen haben die Schneewehen, die im auffrischenden Wind über den Asphalt wirbeln, etwas Surrealistisches. Bald erreicht Sophie Ballet Volta den Waldrand. Auf der kalten Erde liegt schon mehr Schnee und ihre forschen Schritte hinterlassen auf dem Weg eine einsame Spur. Doch Sophie verspürt keine Angst, als sie ins Halbdunkel unter den Bäumen eindringt. Sie kennt den Weg seit ihren Kindertagen; findet die Abkürzung an der Burgruine vorbei, auch bei völliger Dunkelheit. Stille umgibt sie. Der Frieden des nahenden Winters. Die stillste Zeit des Jahres. Selbst der Wald schweigt und träumt vom kommenden Frühjahr. Gedanken wandern zurück zu dem Ort, an dem sie entstanden sind. Alles kehrt in sich, konzentriert sich aufs Wesentliche. Die Welt hält den Atem an.  

Sophie zieht den Schal höher in ihr Gesicht. Allein noch ihre bernsteingelben Pupillen blitzen wie Katzenaugen und unter der Kapuze der Winterjacke lugen frech ein paar Locken ihrer rostroten Haare hervor. Es sind wenige Schritte zu den Mauern der Burgruine, durch die der nächtliche Winterwind eisig pfeift. Der Wunsch, schnell nach Hause zu kommen, glüht in Sophie auf und wärmt sie von innen, als ein ungewöhnliches Glimmen aus den Überresten des Wohnsaals ihre Aufmerksamkeit erregt. Als sie ihrer Neugierde erliegt und sich dem Ursprung des irrlichternden Lichtes nähert, erblickt sie eine in einem Kapuzenumhang gekleidete Person, die an einem Feuer steht. Laut knisternd lecken die Flammen gierig am Holz und wie Glühwürmchen stieben die Funken in die sternenklare Nacht.  

Sternenklar? Tatsächlich. Gerade als sie die Ruine betritt, reißt der Himmel auf. Verwundert schaut Sophie hinauf in das endlose Firmament. Mit offenem Mund blickt sie den in Dampfwölkchen aufsteigenden Atem nach.    

”Komm ans Feuer und wärm dich!”  

Die Stimme des Fremden am Feuer kommt ihr seltsam vertraut vor. Sie wendet ihre Augen von der Unendlichkeit der Nacht ab und blickt ihn an. Als hätte er ihren Blick gespürt, hebt er seine Hände und schiebt die Kapuze nach hinten, sodass sie sein Gesicht erblickt. Sophie Ballet Volta traut ihren Augen nicht.  

”Du?”  

”Lass uns tanzen, Sophie”. Sein Blick begegnet ihrem, lassen seine Lippen sich zu einem amüsierten Lächeln verziehen. ”Sei nicht schüchtern.”  

”Hier?” Entweder sind ihre Sprechmuskeln eingefroren, oder die Überraschung, ihn zu treffen, lässt sie keine Worte finden.  

”Ja. Hier ist es perfekt. Komm, Sophie, schenk mir diesen Tanz, bitte.”  

Es beschämt sie und ist rührend zugleich, wie er sie bittet. Sein unwiderstehlicher Hundeblick lässt Sophie erweichen. Sie schreitet zu ihm. Er nimmt ihre Hände und führt sie ein kleines Stück vom Feuer weg. Seine Finger verschränken sich mit ihren. Ein wohliges Kribbeln durchläuft ihren Körper, als die Erinnerung in ihr aufsteigt. Sie erinnert sich an die Melodien, die ihren Tanz jedes Mal begleiteten. Ungewöhnliche Musik. Gespielt von Tambourin, Schellenbaum, Harfe, Schalmei, Trommel und Drehleier. Ohne es wirklich bewusst zu merken, beginnen sie sich im Takt der unsichtbaren Musik zu wiegen.  

”Trau dich, Sophie. Du kennst die Schritte. Mutter hat sie dir beigebracht, da warst du keine vier Jahre alt.”  

Plötzlich ist die Nacht sonnendurchflutet. Sophie sieht sich als vierjähriges Mädchen über eine Frühlingswiese hin zu ihrer Mutter laufen. Laut lachend fällt sie ihr in die Arme, wird von ihr hochgenommen und wild drehen sie sich im Kreis. Das Echo ihres kindlichen Lachens schalt durch die Nacht, als die Erinnerung verweht. Wie von selbst bewegen sich nun ihre Füße und sie folgt ihrem Tanzpartner harmonisch durch die komplizierten Schrittfolgen. Dann legt er seine Hände an ihre Taille, hebt sie hoch und dreht sich mit ihr um seine eigene Achse. Sophie jubelt und breitet ihre Arme aus. Es ist, als flöge sie gen Himmel in die tiefschwarze Nacht hinauf zu den Sternen.    

Als er sie wieder absetzt, landet sie sanft auf ihren Füßen, taucht federnd in den weichen Waldboden und die feine Schneeschicht ein, die darüber liegt. Die Musik wallt auf, der Rhythmus steigert sich in Geschwindigkeit und Wildheit. Sie wirbeln um einander. Immer wieder hebt er sie hinauf, fliegt sie jauchzend mit den Beinen strampelnd durch die Luft. Die Flammen des Feuers fallen in den Tanz mit ein, rauschen im Winterwind. Sich drehend reisen sie zurück in der Zeit. Die Mauern der Ruine entstehen um sie herum neu. Die Nacht entschwindet und macht einem Sommerabend Platz. An den Wänden brennen Fackeln und scheuchen die Trolle fort. Der Innenhof der Burg ist von lachenden, fröhlich feiernden Menschen bevölkert. Sie klatschen zur Musik in die Hände, singen die alten Lieder und feuern die Tanzpaare an, die sich in der Weise der Volta umeinander drehen. Vereint in der Melodie und der brennenden Gefühle, pocht Sophies Herz wild in ihrer Brust. Ihre Wangen glühen, als sie dem hübschen Jüngling, der sie in seinen Armen wiegt, in die strahlenden Augen blickt, die so viel mehr versprechen. 

Am nächsten Abend steht sie wieder vor dem Blah Blah Café. Sie hat sich mit Lauren verabredet, doch in ihrem Innern weiß sie, dass sie eigentlich nicht in diese Zeit gehört.